16 Tage gegen Gewalt an Frauen- „Nicht nur Nein ist Nein – sondern: Ja ist Ja.

Jedes Jahr zwischen dem 25. November und dem 10. Dezember machen die 16 Tage gegen Gewalt an Frauen sichtbar, was im Alltag vieler Frauen oft unsichtbar bleibt.

Als Sexualtherapeutin begleite ich seit vielen Jahren Frauen, die Übergriffe erlebt haben oder Sexualität als Pflicht, Erwartung oder „Beziehungsarbeit“ verstehen. Ihre Geschichten sind häufig leise – und doch tiefgreifend.

 

Viele beginnen nicht mit einem dramatischen Überfall, sondern mit Sätzen wie:
„Ich wollte eigentlich nicht, aber ich konnte nicht Nein sagen.“
„Ich habe es einfach über mich ergehen lassen.“
,,Ich konnte mich nicht wehren, ich war wie erstarrt.‘‘
„Es war leichter, mitzuspielen, statt wieder eine Diskussion zu haben.“

Diese Erfahrungen sind nicht selten. Sie sind alltäglich. Und genau deshalb sollte es keine 16 Tage gegen Gewalt brauchen, um darüber zu sprechen. Gewalt beginnt dort, wo Zustimmung fehlt.


Gewalt spielt sich auf physischer und psychischer Ebene ab 

Gewalt beginnt nicht erst mit körperlichen Übergriffen. Sie kann physisch sein, z. B.:

  • Schläge, Würgen, Festhalten 
  • jede Form von körperlicher Bedrohung oder Zwang

Gleichzeitig kann sie psychisch wirken, z. B.:

  • Drohungen oder Einschüchterung 
  • emotionale Manipulation oder Schuldgefühle
  • Druck, Erwartungen zu erfüllen oder Grenzen zu ignorieren

Schon das Übergehen von Gefühlen, Wünschen oder klaren Grenzen ist eine Form von Gewalt – oft subtil, aber tief wirksam.
Gewalt beginnt dort, wo 
Zustimmung fehlt – egal ob körperlich spürbar oder emotional erlebt.


Meine Aufgabe: Die Macht über den eigenen Körper zurückgeben 

In meiner Arbeit als Sexualtherapeutin begleite ich Frauen wieder die Macht über ihren Körper zurückzugewinnen.

Warum „Nein ist Nein“ nicht ausreicht 

Viele Frauen haben nie gelernt, dass ihr inneres Nein genauso gültig ist wie ein ausgesprochenes.
Dass ihr Körper Grenzen setzt, bevor Worte es tun können. Dass Schweigen keine Zustimmung ist. Dass Pflichtgefühl keine Lust ersetzt.

„Nein ist Nein“ war ein wichtiger Meilenstein, aber es setzt voraus, dass Frauen in der Lage sind, NEIN zu spüren, zu formulieren – und dass dieses Nein auch gehört wird. Zu oft passiert keins von beidem.


Der entscheidende Schritt: „Ja ist Ja“

Ein Wendepunkt in der sexuellen Selbstbestimmung liegt darin, die Perspektive zu ändern:

„Nicht nur Nein ist Nein – sondern: Ja ist Ja.“ 

Ein Ja ist:

  • freiwillig 
  • klar 
  • körperlich spürbar 
  • lebendig 
  • und niemals erzwungen 

Alles andere ist kein Konsens, sondern Anpassung, Aushalten oder Funktionieren – und das hat in gesunder Sexualität keinen Platz.
Ein echtes Ja bedeutet: „Ich will das.“ – nicht „Ich tue es, damit Ruhe ist.“


Gewalt beginnt früher, als viele glauben 

Sexuelle Gewalt ist nicht nur der extreme Übergriff.
Sie beginnt dort, wo Frauen lernen, dass ihr Körper nicht ihnen gehört.
Wo Rollenbilder, Macht, Schuldgefühle und Beziehungspflichten über ihre Bedürfnisse gestellt werden.
Wo ein „Ich möchte nicht“ überhört – oder gar nicht erst ausgesprochen wird.

Eine Frau, die nie ein echtes JA fühlen durfte, hat oft auch kein inneres NEIN, das gehört wird.


Eine Kultur der Zustimmung 

In meiner Arbeit begleite ich Frauen dabei:

  • wieder ihren Körper zu bewohnen und einen Zugang zu finden 
  • Grenzen wahrzunehmen 
  • Lust zu entdecken 
  • eigene Wahlmöglichkeiten zurückzugewinnen 

Zustimmung ist nicht nur ein Wort. Sie ist ein laufender Dialog mit sich selbst und dem Partner.
Und sie ist die Grundlage für echte, nährende Sexualität.


Warum wir keine 16 Tage bräuchten 

Tatsächlich wünsche ich mir als Therapeutin, dass wir nicht jedes Jahr eine Kampagne bräuchten, um auf Gewalt aufmerksam zu machen.
Dass Frauen ihre Grenzen kennen – und dass andere sie respektieren.
Dass Sexualität wieder ein Raum der Wahl, der Freude und der Verbindung wird.

Bis dahin sind die 16 Tage gegen Gewalt ein notwendiger Weckruf.

Ein Weckruf für eine grundlegende Botschaft:

Sex ist niemals Pflicht.
Sex ist niemals etwas, das man „mitmacht“.
Sex beginnt erst dort, wo beide ein echtes JA spüren.

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